VfL Bochum: Stadionführer für das Ruhrstadion
Sechs Stadionnamen seit 1911, keine Laufbahn — und siebenundzwanzigtausend Menschen, die vor dem Anpfiff ein Lied über ihre eigene Stadt singen.
Ein Lied, gesungen von allen, über eine Stadt, in die niemand fährt
1984 veröffentlichte Herbert Grönemeyer, der hier aufgewachsen ist, ein Album namens Bochum mit einem Titelstück, das im Kern ein Liebesbrief an eine unglamouröse Industriestadt ist. Zugewandt, leicht wehmütig und vollkommen ortsspezifisch.
Es läuft vor jedem Heimspiel des VfL, und das Stadion singt es. Nicht den Refrain — das Lied. Die Zeile über die Stadt, die keine Schönheit ist, dafür aber ehrlich, klingt anders, wenn siebenundzwanzigtausend Menschen sie in einem Stadion vortragen, das zwischen einen Ring und ein Krankenhaus geklemmt ist.
Diese Serie hat einiges an Lärm beschrieben: Dortmunds Südtribüne, Kölns gute Laune, Dresdens Intensität. Bochums Ritual ist von anderer Art. Es ist ein ganzes Publikum, das sich öffentlich darauf einigt, dass die eigene Herkunft etwas wert ist. Wer Stadien wegen der Stimmung sammelt, setzt dieses höher, als es die Tabelle nahelegt.
Sechs Namen, ein Stadion
Der Bau steht seit 1911 auf demselben Gelände und hieß der Reihe nach: SuS-Sportplatz an der Castroper Straße, TuS-Sportplatz an der Castroper Straße, Stadion an der Castroper Straße, Ruhrstadion, rewirpowerSTADION und seit 2016 Vonovia Ruhrstadion.
Diese Liste ist eine kompakte Lektion darin, deutsche Fußballquellen zu lesen. Ein Stadionname in einem Artikel, auf einem Foto oder einer alten Eintrittskarte verrät das Jahrzehnt, nicht den Ort. Hier sagt man meist Ruhrstadion, und alle verstehen es.
Zum Vergleich: St. Pauli, vierzig Autobahnkilometer und eine ganze Haltung entfernt, hat den Verkauf des Namens förmlich ausgeschlossen.
Anreise
- Mit der Straßenbahn: das Stadion liegt an der Castroper Straße, kurze Fahrt ab Bochum Hauptbahnhof und am Spieltag direkt bedient.
- Zu Fuß: rund fünfundzwanzig Minuten vom Bahnhof, bei gutem Wetter realistisch.
- Aus dem übrigen Ruhrgebiet: Dortmund fünfzehn Minuten mit dem Zug, Essen zehn, Gelsenkirchen etwas mehr. Das ist die dichteste Stadienballung Europas, und Bochum liegt mittendrin.
- Ticket und Nahverkehr: wie bei den meisten deutschen Stadien gilt die Eintrittskarte am Spieltag im Nahverkehr.
Tickets
Das deutsche Muster: kein Dokument verlangt, erst Dauerkarteninhaber und Mitglieder, freier Verkauf einige Wochen vor dem Spiel. Beim Verein kaufen.
Bochum ist ein mittelgroßer Verein mit treuem, weitgehend lokalem Anhang und einem Stadion unter dreißigtausend Plätzen. Das macht es mittelschwer — leichter als St. Pauli oder Dresden, schwieriger als Hertha oder Nürnberg. Derbys gegen Schalke oder Dortmund, wenn die Ligen zusammenpassen, sind eine völlig andere Sache.
Ein Teil des Stadions steht. Nehmen.
Wo die Gästefans stehen
Gästefans bekommen einen eigenen Bereich mit dem Kontingent, das die Ligavorgaben verlangen, ein Teil davon Stehplätze. In einem kompakten Stadion ohne Laufbahn ist der Gästeblock nah genug am Heimpublikum, dass es zählt. Die Regelung wird pro Spiel festgelegt, also für die eigene Partie prüfen. Neutrale nehmen eine Seitentribüne.
Das Stadion
1921 gebaut und zwischen 1976 und 1979 zu dem umgebaut, was heute steht. Die ursprüngliche Kapazität lag über fünfzigtausend, auf Stehrängen einer Art, die es nicht mehr gibt; aufeinanderfolgende Sicherheitsauflagen haben sie auf rund 27.600 gedrückt.
Was blieb, ist die Form. Keine Laufbahn, vier Tribünen hart an den Auslinien, ein niedriges Dach und ein steiler Rang. Ein altmodisches deutsches Fußballstadion einer verschwindenden Bauart, und es kann das eine, womit moderne Kessel sich schwertun: den Schall drinnen halten.
Nicht wegen der Ausstattung herkommen. Herkommen, weil es eng, laut und in den Punkten, auf die es ankommt, unsaniert ist.
Essen und Trinken im Stadion
Ruhrgebietsverpflegung, also ist Currywurst keine Kuriosität, sondern der Standard, dazu Bratwurst, Pommes und Pils in voller Stärke. Wer Pommes rot-weiß bestellt, hat richtig bestellt.
Bezahlt wird mit der Stadionkarte: bei der Ankunft aufladen, danach auszahlen lassen. Auf Bechern liegt Pfand.
Bochum vor dem Spiel
Was man sich ansehen kann
Bochum ist keine Touristenstadt und behauptet es auch nicht. Zwei wirklich erstklassige Dinge hat es trotzdem, beide mit dem zu tun, was das Ruhrgebiet einmal war:
- Das Deutsche Bergbau-Museum — das größte seiner Art weltweit, mit einem Anschauungsbergwerk unter dem Gebäude und einem Förderturm, den man für den Blick über die Stadt besteigen kann. Die beste Innenstunde in Bochum.
- Die Jahrhunderthalle — eine riesige Industriehalle von 1902, für den Bochumer Verein gebaut, heute Konzert- und Festivalort in einem Park, der aus dem alten Werk gemacht wurde. Frei zugänglich, wenn nichts läuft.
- Das Bermudadreieck — das kompakte Kneipen- und Restaurantviertel im Zentrum, in dem die Stadt ausgeht. Praktisch vorher und nachher.
- Zeche Zollverein in Essen — zehn Minuten mit dem Zug, UNESCO-Welterbe und der maßgebliche Industrieort des Reviers. Wer einen halben Tag übrig hat, verbringt ihn dort und nicht in Bochum.
Was man essen und trinken kann
- Currywurst mit Pommes — der Teller der Region. Revier und Berlin beanspruchen sie beide; das nicht öffentlich entscheiden.
- Grünkohl mit Mettwurst — im Winter.
- Pfefferpotthast — der pfeffrige Rindfleischtopf aus dem benachbarten Dortmund, mit Salzkartoffeln und Roter Bete.
- Pils — kalt, im kleinen Glas, in Menge.
Häufige Fragen
Ist das Lied wirklich so gut?
Ja. Vor dem Anpfiff im Stadion sein und nicht zum Anpfiff — der häufigste Fehler von Besuchern hier.
Wie viele Stadien schaffe ich von hier aus an einem Wochenende?
Realistisch drei. Bochum, Dortmund und Schalke liegen jeweils eine halbe Stunde auseinander, Mönchengladbach und Köln eine Stunde weiter. Die drei Spielpläne zusammen prüfen; das Revier ist die effizienteste Groundhopping-Region Europas.
Lohnt es sich, wenn nur zweite Liga gespielt wird?
Das Stadion ändert sich mit der Liga nicht, und das Publikum auch nicht. Bochum in der zweiten Liga ist ein besserer Nachmittag als mehrere Bundesligisten in modernen Kesseln.
Welche Tribüne?
Stehend an der Seite, wenn zu bekommen, sonst sitzend an der Seite. Hinter den Toren ist ebenfalls in Ordnung — ohne Laufbahn gibt es hier keine schlechte Sicht.
Sechs Namen, keine Laufbahn und ein ganzes Stadion, das über die Stadt singt, in der es steht. Setz das Ruhrstadion auf deine Bucket List und leg Dortmund und Schalke aufs selbe Wochenende.
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