RB Leipzig: Stadionführer für die Red Bull Arena
Union Berlins Stadion bauten 2.300 Freiwillige um. RB Leipzig hat 21 Mitglieder. Beides stimmt — und zusammen erklärt es den deutschen Fußball.
Die Ausnahme, an der sich die Regel zeigt
Diese Serie erklärt Lesern in fünf Sprachen, warum deutsche Eintrittskarten billig sind und warum es hier noch Stehplätze gibt: weil deutsche Vereine ihren Mitgliedern gehören und die 50+1-Regel verlangt, dass der Verein die Stimmenmehrheit behält.
RB Leipzig erfüllt den Wortlaut. Der eingetragene Verein hält die Stimmenkontrolle. Er hat nur, nach allgemein zugänglichen Angaben, rund 21 stimmberechtigte Mitglieder, im Wesentlichen sämtlich dem gründenden Unternehmen verbunden.
Die Größenordnung wird im Vergleich greifbar. Eine Mitgliedschaft bei Borussia Dortmund kostet Erwachsene ungefähr sechzig Euro im Jahr und beinhaltet eine Stimme. In Leipzig wurde eine bezahlte Fanmitgliedschaft für rund tausend Euro im Jahr angeboten — ohne Stimmrecht.
Das Bundeskartellamt hat das 2023 als Umgehung bezeichnet und drängt die Liga seither, eine tatsächlich offene, stimmberechtigte Mitgliedschaft zu verlangen. Die Auseinandersetzung ist offen.
Nichts davon ist ein Grund, nicht hinzufahren. Es ist der Grund, warum dieses Stadion interessant ist: Man besucht den Ort, an dem die zentrale Frage des deutschen Fußballs verhandelt wird.
Wie der Empfang tatsächlich ist
Wer aus dem Ausland kommt, sollte es vorher wissen: RB Leipzig wird im deutschen Fußball auf eine Weise abgelehnt, für die es in dieser Serie kein Gegenstück gibt. Gästefans zeigen in anderen Stadien Spruchbänder dazu, manche Ultragruppen boykottieren die Partie ganz.
In der Red Bull Arena richtet sich davon nichts gegen den Besucher. Das Heimpublikum ist normal, die Ordner sind professionell, ein neutraler Gast hat einen unkomplizierten Nachmittag. Aber wer wegen der deutschen Fankultur kommt und Kurven, Choreographien und hundert Jahre Kontinuität erwartet, findet sie ausgerechnet hier nicht — und genau diese Abwesenheit ist die Geschichte.
Anreise
- Zu Fuß: Die Arena liegt knapp westlich der Innenstadt, rund zwanzig Minuten vom Hauptbahnhof über den Ring. Für ein Stadion dieser Größe ungewöhnlich — und der beste Weg.
- Mit der Straßenbahn: mehrere Linien halten am Sportforum neben dem Stadion.
- Aus Berlin: gut eine bis anderthalb Stunden mit dem Fernverkehr. Leipzig ist von Berlin aus bequem ein Tagesausflug.
- Aus Polen: über Berlin, oder von Breslau über Sachsen auf der Straße.
Tickets
Das deutsche Muster gilt: keine Karte vorzuzeigen, keine Nummer anzugeben, aber eine Schlange. Erst Dauerkarteninhaber und Mitglieder, dann freier Verkauf einige Wochen vor dem Spiel. Beim Verein kaufen.
Leipzig ist eines der leichteren Tickets unter den großen deutschen Vereinen. Der Klub ist jung, die Mitgliedschaft nach deutschen Maßstäben klein, und achtundvierzigtausend Plätze nehmen viel Nachfrage auf. Wer ein Bundesligastadion ohne Kampf um die Karte sucht, liegt hier vernünftig — was sich gegen alles oben Gesagte abwägen lässt.
Wo die Gästefans stehen
Gästefans bekommen einen Bereich in einer Ecke des Stadions; die Regelung richtet sich nach der Sicherheitseinstufung der Partie, also für das eigene Spiel prüfen. Neutrale nehmen eine Seitentribüne.
Das Stadion
Die Red Bull Arena steht im alten Zentralstadion — einem riesigen Rund der Fünfziger, dessen Erdwälle zum Teil aus Kriegstrümmern aufgeschüttet wurden und das einmal ein sechsstelliges Publikum fasste. Der moderne Bau sitzt in dieser Mulde, und man geht über Brücken über den alten Wall hinein. Das ist eine ungewöhnliche und ziemlich gute Lösung und das Interessanteste an der Architektur.
Innen ein sauberer, moderner, vollständig überdachter Kessel für achtundvierzigtausend. Bequem und ohne viel eigenen Charakter.
Essen und Trinken im Stadion
Bratwurst und Currywurst, Brezeln und Bier in voller Stärke in Mehrwegbechern gegen Pfand.
Wie bei den meisten deutschen Stadien wird bargeldlos mit der Stadionkarte gezahlt: beim Hineingehen am Kiosk aufladen, am Ende auszahlen lassen.
Leipzig vor dem Spiel
Was man sich ansehen kann
Leipzig ist eine der lohnendsten Städte im Osten und, was auch immer der Fußball nahelegt, kein neuer Ort:
- Die Nikolaikirche — Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen von 1989. Wenn man in Leipzig eine Sache besucht, dann diese.
- Die Thomaskirche — Bach war hier siebenundzwanzig Jahre Kantor und ist in der Kirche begraben. Der Chor, den er leitete, singt weiter.
- Das Völkerschlachtdenkmal — einundneunzig Meter dunkler Stein, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben.
- Die Spinnerei — die alte Baumwollspinnerei in Plagwitz, heute ein großes Areal aus Galerien und Ateliers und das Zentrum der hiesigen Kunstszene.
Was man essen und trinken kann
- Leipziger Allerlei — richtig gemacht mit Morcheln und Krebsen, und selten richtig gemacht. Dort bestellen, wo es stimmt.
- Leipziger Lerche — das Mürbeteiggebäck mit Marzipan, benannt nach dem Gericht, das es ersetzte, als die Vögel im neunzehnten Jahrhundert unter Schutz gestellt wurden.
- Gose — das saure, salzige, mit Koriander gewürzte Weizenbier dieser Stadt. Zweimal fast ausgestorben, heute wieder gebraut.
- Auerbachs Keller — der Keller aus Goethes Faust. Touristisch, ja, und einmal trotzdem wert.
Häufige Fragen
Soll ich angesichts der Debatte überhaupt hinfahren?
Das ist eine eigene Entscheidung, und dieser Text trifft sie nicht. Er sagt nur: Wer den deutschen Fußball verstehen will, muss die Auseinandersetzung verstehen — und von innen versteht man sie besser als aus der Ferne.
Ist das ein leichtes Ticket?
Nach deutschen Maßstäben ja — eines der leichteren unter den großen Vereinen.
Womit lässt es sich kombinieren?
Berlin liegt gut eine Stunde entfernt, was Leipzig und Union Berlin zu einem naheliegenden und ausgesprochen lehrreichen Paar macht. Wenn möglich in dieser Reihenfolge.
Das Stadion, an dem der deutsche Fußball mit sich selbst streitet, eine Stunde von Berlin. Setz die Red Bull Arena auf deine Bucket List und kombiniere sie mit Union.
Groundhopper
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